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Trauer · 12. Oktober 2026 · 3 Min. Lesezeit

Wohin mit all dieser Liebe

Seit du fehlst, weiß ich, wie schwer eine Hand werden kann, die ins Leere greift.

Wohin mit all dieser Liebe

Seit du fehlst, weiß ich, wie schwer eine Hand werden kann, die ins Leere greift.

Nachts sucht meine noch immer die Stelle, an der deine Wärme lag. Halb im Schlaf, ohne sich zu erinnern. Erst als mein -wie immer- nichts finden, werde ich wach.

Dann schlägt es wieder ein.

Mit dem ganzen Körper.

Ich ziehe die Hand zurück und lege sie unter mein Kissen. So liege ich bis zum Morgen, auf ihr, ein Ort der deine Berührung suchte.

Es gibt so viel, das ich dir noch sagen müsste.

Die kleinen Dinge sammeln sich zuerst. Ein neuer Schlüsselanhänger in deiner Lieblingsfarbe. Ein schlechtes Kantinenessen. Du kochst so gut. Etwas, worüber nur du sicher gelacht hättest.

Dann kommen die anderen.

Das Danke, das ich zu beiläufig gesagt habe. Die Frage, für die ich mir Zeit lassen wollte, bis wir nächste Woche nicht so eingespannt sind. Alles, was ich auf später gelegt habe, als wäre später ein sicherer Ort.

Jetzt liegen diese Worte in mir. Ich trage sie durch die Tage und spüre ihre grausamen Kanten bei jedem Atemzug.

Manchmal spreche ich einen Satz laut aus.

Mitten im Zimmer.

Meine Stimme klingt fremd, wenn dein Echo fehlt, um darauf zu antworten. Ich höre, wie sie endet. Wie still es danach wird.

Und wie lange ich trotzdem warte.

So schreibe ich dir.

Jeden Tag. Auf die Innenseite meiner geschlossenen Augen. In den beschlagenen Spiegel am Morgen, nach einer Nacht, in der ich kaum geschlafen habe.

Zwischen zwei Atemzüge, wenn dein Name plötzlich auf einem ungeöffneten Brief steht und dann in meiner Kehle liegt und ich ihn nicht raus und nicht hinunterbekomme.

Trauer ist wie ein Liebesbrief, der nie abgeschickt wurde und trotzdem ankommt.

Der Brief wird länger.

Ich weiß nicht, wohin damit.

Wie adressiert man etwas an einen Menschen, dessen Nähe man noch überall im Körper trägt?

Ich kenne deine Hände. Ich weiß, wie deine Stimme klang, wenn du müde warst. Ich könnte dich an einem einzigen Schatten erkennen.

Und trotzdem kann ich dich nicht finden. Jetzt ist dieser Schatten echt. Nicht greifbar.

Manchmal höre ich ein altes Video. Ich mag es nicht, weil ich darauf so fertig aussehe, aber du lachst und sprichst so viel, so leicht so…. als wäre alles ok.

Da bist du wieder, mitten in einem gewöhnlichen Tag. Du weißt noch nichts von dieser Stille. Wieder sagst du etwas Kleines. Lachst.

Ich halte den Atem an, um deinen besser hören zu können.

Dann endet die Aufnahme.

Ich drücke noch einmal auf Anfang.

So nah. Noch einmal so nah.

Bis deine Stimme weiterklingt und ich längst weine.

Trauer ist wie ein Liebesbrief, der nie abgeschickt wurde und trotzdem ankommt.

Er liegt morgens auf meiner Brust, bevor ich die Augen öffne. Wartet in einem Lied. Fällt mir aus einem Buch entgegen, wenn ich dich zwischen den Seiten finde.

Ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich mich an eine Einzelheit nicht mehr erinnern kann.

Wie du meinen Namen gesagt hast.

Wo du beim Lachen Luft geholt hast.

Ich versuche, es irgendwie festzuhalten. Schließe die Augen.

Vor meinem Fenster werden Gerüste aufgebaut. Jemand zieht unter mir ein.

Ich sitze da und begreife kaum, wie so viel geschehen kann, während du fehlst.

Auch ich muss weiter.

Manchmal schaffe ich es aber nur bis zum Fenster.

Ich hätte dir früher eine Nachricht geschickt.

Jetzt bleibe ich am offenen Fenster stehen und lege die Hand auf meine Brust.

Unter ihr schlägt etwas weiter, das dich noch immer liebt.

Jede Zeile kommt bei mir an… und hoffentlich bei dir…

Nur deine Antwort wird weiterhin fehlen.

– Jenson

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